Geschichte des Spielplatzes

Wo spielten die Kinder früher? Wann und wozu entstanden die ersten Spielplätze? Wie müssen wir uns diese vorstellen? Es gab sie nicht immer und sie hatten früher auch nicht den gleichen Zweck wie heute. Wer sich für die Geschichte des Spielplatzes interessiert, kann hier einiges erfahren.

Die Kleinen im Mittelalter

Im Mittelalter gab es keine Kinder. Wie bitte? Dann wäre die Menschheit ja ausgestorben. Es existierten nur kleine Erwachsene. Denn als diese wurden die Mädchen und Jungen damals betrachtet und genau so wurden sie auch behandelt. Mit sieben Jahren war die Kindheit in den unteren Schichten endgültig vorbei. Die Mädchen mussten in der Küche arbeiten und die Knaben erlernten ein Handwerk oder die Feldarbeit. Die Arbeitstage waren lang. Viel Freizeit zum Spielen blieb den Kleinen nicht. Wenn sie etwas Zeit fanden, tummelten sie sich im Freien. Extra Plätze für Kinder gab es jedoch nicht. Spielsachen mussten sich die Sprösslinge zusammensuchen und ihre Spielgeräte bauten sie sich selbst auf. Als beliebtes Spielzeug galten Ringe aus Holz oder Metall, Schneckenhäuser, Drehscheiben, Bälle und Holzkreisel.

Spielgeräte im Schlosspark

Wie sich aus alten Zeichnungen erschliessen lässt, gab es bei den Adligen dagegen sehr wohl Spielareale im Schlosshof. Die Erwachsenen benutzten sie jedoch mindestens so häufig wie die Kinder. Vor allem Karussells waren beliebt. Man nimmt an, dass diese erstmals in der Ritterzeit gebaut wurden. Sie bestanden aus hölzernen Rossen, welche die Grösse von echten Pferden hatten. Und genau wie diese waren sie auch gesattelt. Die Hofdamen durften auf Schwänen und in Kutschen mitfahren. Auch an der Wippe erfreuten sich die Adligen. Diese ähnelte in ihrer Form unserer heutigen „Gigampfi“. Rutschbahnen fanden sich jedoch keine, denn sie hätten die teuren Kleider der Damen ruiniert.

Das Karussell als Trainingsgerät der Ritter

Das Karussell diente im Mittelalter jedoch nicht nur dem Vergnügen. Die Ritter sollten damit auch ihre Kampffähigkeiten trainieren. Dazu setzten sie sich aussen aufs Karussell, liessen sich drehen und versuchten mit ihren Lanzen, Ringe zu durchstechen. Diese wurden vorher um die Pferde herum aufgestellt. Das Training der Ritter war der Grund, weshalb sich die Karussells damals gegen den Uhrzeigersinn drehten. Die meisten Menschen waren Rechtshänder und die Ritter kamen so besser an ihre Ringe heran. Echte Pferde wurden bald durch Holzpferde oder kleine Sitze ersetzt. Damit das Karussell sich bewegte, musste es von Gefangenen in Bewegung gebracht werden. Diese befanden sich in einem Keller unter der Erde und drehten an einem grossen Holzrad, indem sie im Kreis herumgingen.

Beginn der Neuzeit: mehr Freizeit für die Kinder

Zu Beginn der Neuzeit benutzten die Stadtkinder öffentliche Plätze und Strassen als Spielplatz. Dort beschäftigten sie sich mit allem, was sie fanden. Dazu gehörten Steine, Stöcke, Knochen, Körbe, Fässer, Bretter, Zäune, Pflanzen und Erde. Sie spielten mit Steckenpferden und Bällen aus Schweineblasen, sie trommelten, schaukelten, kletterten, turnten am Reck und machten Seifenblasen. Durch Rollenspiele, Fangen, Verstecken, Topfschlagen, Kreiseltreiben, Würfel- oder Murmelspiele und das Ausüben von Streichen pflegten sie Kontakte und übten das Miteinander. Das Gemälde „Die Kinderspiele“ (gemalt um 1560, siehe unten) von Pieter Bruegel ist die wohl älteste Darstellung eines Platzes, auf dem Kinder ihren Spielen nachgehen. Auf dem Land wurden Feld, Wiese, Wald und Gewässer zum Spielareal der Kleinen. Die Erwachsenen mischten sich in das Spiel nicht ein. Sie mussten ihrer eigenen Arbeit nachgehen.

Die Industrialisierung fordert Plätze für die Kleinen

Der Begriff Spielplatz findet sich bereits in der Literatur vom Anfang des 19. Jahrhunderts. Schon 1820 tauchten vereinzelte Spielplätze in den Städten auf. Damals begann die Zeit der Industrialisierung. Es wurden Fabriken gebaut und zahlreiche Familien zogen vom Land weg. Durch das Städtewachstum rückten Wald und Grünflächen für viele Jungen und Mädchen immer weiter in die Ferne. Die Eltern schufteten tagsüber in den Werken und kamen erst spät und erschöpft nach Hause. Vor allem Arbeiterkinder waren oft auf sich allein gestellt. Die Wohnungen boten kaum Platz für Bewegung und so spielten die Kleinen auf der Strasse

Pädagogen wollten die Kinder von der Strasse weg und an einen Ort bringen, wo sie besser zu überwachen und zu erziehen waren. Auf diese Art waren sie sicher vor schlechtem Einfluss. Andererseits sollte auch die Gesellschaft vor den Kindern geschützt werden. So entstanden Anfang des 20. Jahrhunderts immer mehr Spielplätze. Dort wurden vor allem Turnstangen, Ringschaukeln und Sandhaufen aufgebaut. Das Ganze wirkte etwas lieblos. Es war nicht das Ziel, den Kleinkindern Vergnügen zu bereiten. Diese sollten einfach irgendwo untergebracht sein und es sollte ihnen Anstand beigebracht werden. Deshalb sorgte meist eine Aufseherin auf dem Areal für Ordnung. Die Kinder selbst waren nicht besonders begeistert von dieser Regelung.

Geschichte des Spielplatzes – zweiter Teil

Obwohl bereits im Mittelalter Karussells und Wippen bekannt waren, gilt das 20. Jahrhundert als Geburtszeit der Spielplätze. Doch wie setzt sich die Geschichte des Spielplatzes fort? Wie entwickelten sich die ersten, von den Kindern wenig geschätzten Spielareale nach der Industrialisierung weiter? Wie entstanden die heutigen Spielgelände mit all ihren Geräten?

Orientierungslosigkeit und originelle Spielplätze

Nach dem Zweiten Weltkrieg herrschte vor allem in Deutschland, aber auch in der Schweiz Chaos. Die Kinder spielten auf den Trümmerhaufen. Vieles musste wieder aufgebaut werden und die Kleinen sollten einen neuen Spielraum bekommen. Man errichtete öffentliche Plätze mit grossen Sandkästen, Rutschen und Klettergerüsten. Durch die notwendigen Schulreformen erhielten auch die kindlichen Bedürfnisse einen anderen Stellenwert. Nun wurden die Spielplätze bewusst geplant. Das natürliche Spiel gewann an Bedeutung und die Förderung der Kreativität rückte in den Vordergrund. Auf den Spielflächen fanden sich abstrakte Spielskulpturen. Bildhauer bestückten viele Areale mit ihren Werken. So sollten die Kinder übers Spiel den Weg zur Ästhetik finden. Leider liessen sich die Beton- und Stahlskulpturen nicht immer gut bespielen. In Zürich entstand 1954 der erste Robinson- oder Abenteuerspielplatz. Auf dem Land hingegen waren kaum Spielplätze zu finden. Die Familien hatten höchstens eine Schaukel im Garten hängen.

60er und 70er Jahre: die Zeit der individuellen Spielareale

Eltern begannen, die Spielplätze ihrer Kinder selbst zu bauen. Die Kleinen durften helfen oder konnten sich ihre Welt mit Hammer, Nägeln und Brettern selbst gestalten. Es entstanden immer mehr antiautoritäre Projekte, bei denen hauptsächlich die Fantasie der Jungen und Mädchen gefragt war. Ausprobieren und experimentieren lautete die Devise. Dies geschah oft mit Schrott wie alten Pneus, Fässern oder Kisten. Motorische und kognitive Fähigkeiten sollten sich so entwickeln. Besonders beliebt war der Lozziwurm des Schweizers Yvan Pestalozzi (siehe Bild unten). Er bestand aus geraden und gebogenen Polyesterröhren. Die einzelnen Elemente durften immer wieder auseinandergenommen und neu zusammengesetzt werden. Durch runde Löcher konnten die Kinder ein- und aussteigen oder hinausschauen. Wie sie das Ganze zusammenstecken wollten, durften die Kleinen selbst entscheiden. Manchmal entstanden sogar dreistöckige Lozziwürmer. Der Kreativität waren keine Grenzen gesetzt.

Die langweiligen Spielplätze der 80er und 90er Jahre

In den 80er Jahren erlebte der Spielplatz seine grosse Krise. Plötzlich waren die Kinder keine Produzenten mehr, sondern Konsumenten. Die interessante Gestaltung der Plätze gehörte der Vergangenheit an. Viele Abenteuerspielplätze wurden geschlossen, da man sie nun als zu gefährlich für die Sprösslinge ansah. Die Angst vor Unfällen nahm zu. Viele Sicherheitsvorschriften wurden eingeführt. Metallgeräte ersetzte man nach und nach durch Holzgeräte. 1999 übernahm die Schweiz die europäischen Normen für öffentlich zugängliche Spielplätze.

Der Spielplatz heute

Heute wächst das Interesse an innovativen Spielarealen wieder. Fachleute befürchten, dass gerade Stadtkinder ohne Plätze zum Herumtoben zu viel vor Computer oder Fernseher sitzen und sich zu wenig bewegen. Sie raten, beim Aufbau eines Spielareals darauf zu achten, dass es Geräte für Kinder jeder Altersstufe umfasst. Diese sollten eine Herausforderung für die Kleinen darstellen und zu den unterschiedlichsten Spielmöglichkeiten anregen. Schlussendlich ist ein Spielgelände jedoch um so interessanter und die Ideen werden umso lustiger, je mehr Kinder dort sind. Der Spielplatz soll in seiner Aufmachung, in seinen Farben, Formen und Geräten deswegen so gestaltet sein, dass er Kinderherzen höher schlagen lässt und die Kleinen magisch anzieht.