Warum das Karussell den Spielplatz bereichert


Immer rundherum. Das Kind saust alle paar Sekunden lachend an Mami und Papi vorbei. Diese stehen derweil bremsbereit neben dem Karussell und fragen sich, wie ihr Sprössling das nur aushält, ohne sein Mittagessen wieder von sich zu geben. Welche Faszination übt das Drehen auf ihr Kleines aus und wird ihm dabei gar nicht schwindlig?

Seit wann gibt es Karussells?

Ein englischer Reisender beschrieb 1620 nach seinem Aufenthalt im damaligen Osmanischen Reich ein von Menschen angetriebenes Wagenrad. Auf diesem hätten Kinder auf kleinen Sitzen Platz nehmen und in der Horizontalen kreisen können. Dies ist der erste bekannte Bericht über ein Karussell. Im Mittelalter brauchten die Ritter das Gerät für ihr Training mit der Lanze. Sie versuchten mit dieser, während des Drehens Ringe zu durchstechen. Die adligen Damen und ihre Kinder nutzten Karussells aus hölzernen Pferden und Schwänen gerne als Zeitvertreib. Dazu mussten Gefangene im Keller unter der Erde an einem Rad drehen. Im 18. Jahrhundert diente das Karussell den Damen und Herren an den Höfen als Geschicklichkeitsspiel, bei dem mit der Lanze Ringe aufgesteckt werden mussten. Die echten Pferde wurden bald wieder durch Holzpferde oder Sitze ersetzt und die Scheibe musste wieder von Menschen angetrieben werden.

Unterschiedliche Karussellarten

Karussells gehören zu den Drehspielgeräten. Diese drehen sich um die eigene Achse, wobei die gesamte Konstruktion mitgeht. Das Gerät muss von den Kindern selbst in Schwung gebracht werden. Unterschieden wird zwischen dem Sitz- und dem Stehkarussell. Sitzkarussells gibt es in allen Formen und Varianten: aus durchgehender Bank mit Rückenlehne, aus einzelnen Sitzen oder Bänken, aus Holz oder Kunststoff. Heute dient mindestens eine Stange als Lehne für den Rücken und zur Sicherheit, damit das Kind nicht herunterfällt. Das Stehkarussell enthält meist nur ein paar Stangen zum Festhalten. Die Kinder bringen es in Gang, indem sie mit ihren Füssen abstossen. Zudem gibt es Karussells aus Netzen, Seilen oder kleinen Schaukeln, an die sich die Kleinen hängen können. Hier braucht es entweder weitere Personen, um das Spielgerät anzutreiben, oder die Kinder bringen es durch Ziehen im Kreis in Bewegung und springen dann auf. Eine Drehscheibe ist eine ebene oder gekippte Fläche ohne Aufbau.

Was bringt das Karussell dem Kind?

Auf dem Karussell trainieren die Kinder durchs Drehen, Abstossen oder Festhalten ihre motorischen Fähigkeiten und steigern ihre Kräfte. Die Kleinen sammeln Erfahrungen mit der Zentrifugalkraft und ihrer Wirkung auf den eigenen Körper. Sie verbessern ihren Gleichgewichtssinn, indem sie das Spielgerät erfassen und beim Drehen die Balance halten. Die verschiedenen Bewegungen zusammen mit dem ständigen Bildwechsel im Blickfeld des Kindes faszinieren und steigern das Vergnügen. Soziale Kontakte werden gefördert, denn zusammen treibt man das Karussell rascher an und hat mehr Spass. Es braucht Absprachen, wer wo sitzt, wer Schwung gibt und wann es genug ist. Rücksichtnahme ist gefragt, wenn jüngere Kinder dabei sind oder ein Kind aussteigen möchte. Dadurch üben sich die Sprösslinge in der Kommunikation.

Ist Karussellfahren gefährlich?

Natürlich kann ein Kind vom Karussell fallen – genau wie von jedem anderen Spielgerät auch. Normalerweise holt es sich bei einer sachgemässen Nutzung jedoch keine ernsthaften Verletzungen. Heute sind die Geräte so konzipiert, dass sie der Euronorm EN1176/1177 entsprechen, welche die (sicherheits-)technischen Anforderungen an die Spielgeräte regelt. Im 5. Teil werden die Voraussetzungen für verschiedene Karusselltypen einzeln beschrieben. Es geht darum, wie weit die Karussellscheibe, die Netze oder die Seile vom Boden entfernt sind, wo es stossdämpfenden Belag braucht und wie gross die hindernisfreie Fläche sein muss. All dies wird genau berechnet. Zu bedenken ist, dass Karussells für Kinder entwickelt werden. Nutzen Jugendliche oder Erwachsene diese, kann eine Gefahr durch zu niedrige Geländer oder zu wenig Beinfreiheit entstehen. Auf keinen Fall darf das Spielgerät durch Maschinen (Roller, Töffli oder Auto) in Gang gesetzt werden. Dadurch entstehen Geschwindigkeiten, für die das Gerät nicht geschaffen ist und bei denen sich der Karussellnutzer nicht mehr festhalten kann.

Wird Kindern weniger schwindlig?

Mami und Papi ist schon ganz übel vom Zuschauen, doch der Kleine findet die Drehbewegung herrlich und möchte das Karussell noch lange nicht verlassen. Es gilt als wissenschaftlich erwiesen, dass Kinder Drehungen besser ertragen als Erwachsene. Ihr Gleichgewichtssinn ist noch nicht fertig ausgereift. Das Gleichgewichtsorgan im Ohr, Muskeln, Sehnen, Gelenkrezeptoren und das Gehirn mit seinen Nerven, welche die Informationen der Augen weiterleiten und verarbeiten, müssen sich erst noch vollständig entwickeln. Das Kind wird vom Gesehenen weniger beeinflusst und geniesst seine Karussellfahrt. Leider kann es sich im Auto trotzdem übergeben, denn vor der Reisekrankheit sind auch die Kleinen nicht gefeit. Die Bewegungen in einem Fahrzeug sind ungleichmässig und sehr komplex. Schaut das Kind nicht nach draussen, kann das Auge die Bewegung des Autos nicht wahrnehmen. Trotzdem registrieren andere Rezeptoren diese. So können im Gehirn falsche Signale entstehen.